Wie kann man sich der Natur künstlerisch annähern, ohne sie abzumalen oder abzufotografieren? Wie den vielfach verloren gegangenen Mensch-Natur-Bezug abbilden und Bilder zu einem Spiegel machen, in dem man sich selbst erkennt? Der Tiroler Künstler Wolfgang Böhmer liefert mit seinem Werkreihe Naturalized eine ebenso einfache wie eindrucksvolle Antwort: Indem man die Natur selbst zum Künstler macht.

Kunst hat eine Vielzahl von Aufgaben und Funktionen, die sich im Laufe der Geschichte und über verschiedenen Kulturen hinweg verändert haben. Insofern macht es wenig Sinn, sich auf die Suche nach einer einzelnen, universell gültigen Antwort zu machen. Viel interessanter ist es, die Intention des jeweiligen Künstlers unter die Lupe zu nehmen. Zum Beispiel jene von Wolfgang Böhmer, dessen Bilder nach einer großen Vernissage im August 2025 für längere Zeit im Gradonna zu sehen sind. Mit seiner Werkreihe Naturalized bildet er den vielfach drohenden Verlust des Mensch-Natur-Bezugs künstlerisch ab und lädt den Betrachter ein, über die Konfrontation mit seinen Bildern den körperlichen Bezug zur Natur (wieder) zu empfinden. Dazu bedient er sich einer außergewöhnlichen Technik.

Hier das Interview mit Wolfgang Böhmer zum Nachlesen

Interviewer: Herr Böhmer, Ihre Bilder sind schon deshalb etwas ganz Besonderes, weil sie gleichsam den vier Elementen entspringen.

Wolfgang Böhmer: Tatsächlich ging es mir bei Naturalized von Anfang an darum, in die Tiefe der Existenz einzutauchen. Also in jene Augenblicke, wie man sie in der Natur erleben kann. Wo der Mensch plötzlich völlig im Moment verweilt, weit weg von den vermeintlich wichtigen Dingen im Leben. Weg von der Getriebenheit des Alltags, dafür aber mitten in der Tiefe des tatsächlichen Seins. Für mich stellte sich dann die Frage: Wie dieses Gefühl darstellen? Die Naturmalerei und Naturfotografie nähern sich der Natur ja bestenfalls an. Ich wollte mehr und landete bei der Natur selbst und ihren vier Elementen.

Interviewer: Salopp könnte man sagen, dass Sie mit der Natur gemeinsame Sache machen.

Wolfgang Böhmer: Ich würde es eher so formulieren: Ich arbeite an und mit der Natur. Die Bilder entspringen den vier Elementen und werden ihnen teils wochenlang ausgesetzt. Sämtliche von mir verwendeten Materialien entstammen der direkten Naturbegegnung. Alles, was der Betrachter sieht, ist unmittelbar mit der Natur und in ihr entstanden. Sie ist das Atelier.

Interviewer: Was kann man sich konkret darunter vorstellen.

Wolfgang Böhmer: Nun, ich gehe in die Natur und skizziere auf der Leinwand mit Holzkohle, Erde und Schlamm eine existenzielle Frage oder einen persönlichen Eindruck. Die Holzkohle stelle ich aus Holz her, das ich zuvor vor Ort gesammelt und verbrannt habe. Anschließend übergebe ich die Leinwand den Elementen. Das heißt, ich lege sie in einen Bach und vergrabe sie danach in der Erde. Dort belasse ich sie zum Teil mehrere Monate lang, um der Natur Zeit für ihr Werk zu geben. Nach dem Ausgraben trockne ich das so entstandene Bild an der Luft.

Interviewer: Das heißt, die Natur arbeitet in dieser Zeit an Ihren Bildern, verändert Farben und formt die Skizze so, wie ja auch das Leben jeden Menschen prägt und verändert.

Wolfgang Böhmer: Ganz genau. Nur die Farben der Erde, das Spiel der Elemente, aus denen wir stammen und in die wir zurückkehren, gestalten die Bilder. Das Ergebnis ist eine Antwort der Elemente auf zentrale Fragen des Daseins.

Interviewer: Mit dem Ziel?

Wolfgang Bömer: Mit mehreren Zielen. So etwa sollen meine Bilder den Betrachter in jenen Moment der geerdeten Nähe zu sich selbst und zur Natur zurückversetzen, die er zum Beispiel einmal an einem Kraftplatz erlebt hat. In einen jener existenziellen Momente des Bei-Sich-Seins, von denen ich vorher gesprochen habe. Das sind auch die Augenblicke, die keiner Worte bedürfen, weil es nur ums Fühlen, um das Empfinden geht.

Interviewer: Der deutsche Natur-Philosoph Andreas Weber hat einmal behauptet, dass die Natur ein Spiegel ist, in dem sich Kinder selbst erkennen können. Du schaust auf den Käfer und du siehst dich selbst. Sind ihre Bilder eine Art Naturkonfrontation für Erwachsene. Man schaut auf die Bilder und sieht sich selbst?

Wolfgang Böhmer: Ja, das könnte man durchaus so sagen. Wobei ich es wichtig finde, dem Betrachter die dafür notwendige Freiheit zu lassen. Das ist auch ein Grund, warum meine Bilder keine Namen tragen, weil ich sie dadurch framen würde. Ich möchte dem Betrachter einfach keinen Rahmen vorgeben, in dem er sich dann bewegen muss.

Interviewer: Ihre auf das Verhältnis Natur-Mensch fokussierte Arbeit kommt ja nicht von ungefähr. Inwieweit hat Sie das Zillertal, in dem Sie aufgewachsen sind, künstlerisch geprägt?

Wolfgang Böhmer: Ich würde diese Prägung nicht auf das künstlerische beschränken. Die Natur des Zillertals hat mich als Mensch grundgeformt. Wenngleich mich Kunst immer schon interessiert hat. Als Kind habe ich mit dem Schnitzen angefangen. Insofern war der Naturbezug von Anfang an da. Außerdem haben mich schon früh die öligen Farben fasziniert, die ich aus dem eisenhaltigen Morast gewonnen habe, wie man ihn im Zillertal jenseits der Baumgrenze findet. Ich habe schon damals viel experimentiert. Und viel vorbereitende Experimentierarbeit war auch notwendig, um Naturalized realisieren zu können.

Interviewer: Herr Böhmer, Sie sind nicht nur Künstler, sondern auch Journalist. Als solcher haben Sie Reisen in viele Kriegs- und Krisengebiete unternommen. Inwieweit spielen Ihre dort gemachten Erfahrungen in Ihren Werken eine Rolle?

Wolfgang Böhmer: In meiner früheren Werkreihe ExPics war es die Gefühllosigkeit der Gegenwart, die mich erschüttert, aber auch künstlerisch inspiriert hat. Es ging mir darum Menschen in das existenzielle Empfinden zurückzuholen. Ich denke, Naturalized hat ein ähnliches Ziel, nur der Weg dorthin ist ein anderer.

Interviewer: Herr Böhmer, vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Informationen über Wolfgang Böhmer unter www.expics.art